Griechenland

Nach dem Herbst kommt der Sommer. Thessaloniki erwartet uns mit hochsommerlichem Wetter und Urlaubsstimmung. Es ist Samstag und das Großstadteben spielt sich draußen ab, in den vielen Cafés und Tavernen und beim Flanieren an der Uferpromenade. Als wir bei einem nett aussehenden Café halten, werden wir unversehens von einem älteren Mann herbeigewunken. Er kann kein Englisch und ist dazu schwerhörig, aber er versteht es, uns herzlich willkommen zu heißen: Er gibt uns zwei Gläser leckeren griechischen Wein aus, um 13 Uhr mittags. Wir schlendern durch die Stadt, haben keinen Zeitdruck und nicht das Gefühl auf Sightseeingtour zu sein oder gehen zu müssen. Am frühen Abend spazieren wir hoch auf den Hügel hinter der Stadt, sehen die Sonne im Meer versinken und lassen den Tag in einer griechischen Taverne ausklingen. Was geht´s uns gut! Griechisches Lebensgefühl und leckere Meze sind mir nicht fremd. Einer meiner besten Freunde, Alexes, ist Grieche. Mit ihm zusammen war ich schon auf seiner Heimatinsel Ikaria und habe noch mehr Griechenland in Berlin erlebt – bei zahlreichen gemeinsamen Abendessen und griechischen Rembetiko Konzerten. Jetzt freue ich mich auf mehr Griechenland in Griechenland in den nächsten Wochen.

Nächstes Ziel sind die Meteora-Klöster in Zentralgriechenland. Übersetzt bedeutet der Name so viel wie in der Luft schwebende Klöster. Und etwa so, etwas übernatürlich, sehen sie tatsächlich aus. Schon die Landschaft an sich ist beeindruckend: Felsen verschiedener Formen und Größen ragen zwischen Olivenhainen, Wald und Dörfern steil in den Himmel. Aber die Mönche haben im 13. und 14. Jahrhundert wörtlich noch einen draufgesetzt: Klöster auf den Plateaus der Felsen. Dort oben, näher an Gott, haben sie Schutz und Ruhe gesucht vor dem allzu menschlichen, immer wieder kriegerischen Treiben am Fuße der Felsen. Und bestimmt die Aussicht genossen!

In der Luft schwebend – so muss es sich damals auch für die Mönche angefühlt haben: sie sind auf Hängeleitern aus Seil zu den Klöstern hinaufgeklettert oder haben sich in einem Netz mit einem Seilzug hochziehen lassen. Waren sie oben, haben sie die Leiter oder den Seilzug einfach eingezogen. So war Feinden und ungebetenen Gästen der Zugang verwehrt. Heute sind Touristen willkommene Gäste und der Zugang erfolgt Reisegruppengerecht über Treppen, die in den Felsen gehauen sind. Sechs der 24 Klöster sind heute noch von Nonnen oder Mönchen bewohnt und können besichtigt werden. Zur Hauptsaison zu nicht Corona-Zeiten boomt der Tourismus hier. Auch jetzt müssen wir uns erstmal an den Anblick der Wohnmobile und anderen Touristen gewöhnen. Ab sofort sind wir offensichtlich nicht mehr die einzigen. Das Schöne daran ist, dass wir das erste Mal auf unserer Reise Zeit mit anderen Reisenden verbringen können. Ein französisches Pärchen gesellt sich mit ihrem selbst ausgebauten Kastenwagen neben uns auf den wilden Stellplatz. Auch sie haben die Jobs gekündigt und sind seit dem Frühling unterwegs. Mittlerweile mit zwei Hunden, den kleinen Welpen Bulgur haben sie auf einer Wanderung in Bulgarien mutterseelenallein gefunden und adoptiert.

Die Umgebung um Meteora lädt zum Wandern, Klettern und Mountainbiken ein. Nach zwei Tagen geht es für uns jedoch weiter. Wir haben eine Verabredung in Patras. Meine Schwester Eva kommt spontan für eine Woche zu uns und wir wollen gemeinsam die Peleponnes Halbinsel erkunden. Wir freuen uns auf das Wiedersehen und die Zeit zu dritt und improvisieren Wuddi einen weiteren Sitz. Gemeinsam suchen wir die schönen und interessanten Orte auf dieser, von Natur und Kultur reichen Halbinsel auf: karibisch anmutende Strände, das antike Olympia, Dörfer mit alten Steinhäusern und einladenden Cafés und Tavernen. Wir wandern zu alten Festungen, in die Gebirgsausläufe und durch Olivenhaine, machen eine Radtour auf einer kleinen Insel, gehen schwimmen, schnorcheln und Hendrik und Eva tauchen. Und lecker essen. Mal schläft Eva in einem Hotel oder B&B nahbei, mal zusammen mit mir im Schwesternzelt. Wir genießen das Sommerwetter und fühlen uns jetzt mehr als Urlauber denn als Reisende.

Es gibt eine unangenehme Begegnung. Mit einem Seeigel. Glücklicherweise endet sie in einer professionellen Stachel-Zieh-OP am Strand. Dietmar, ein netter deutscher Arzt, der mit seiner Frau an dem Strand Urlaub macht, leistet Hilfe und rettet uns somit mindestens den Tag. Was für ein Glück!

Nach einer Woche bringen wir Eva zurück zum Flughafen. Eine Woche für die Peleponnes Halbinsel, das ist zu kurz müssen wir feststellen. Wir werden noch bleiben. Für zwei Nächte beziehen wir einen schönen Stellplatz oberhalb von Patras mit einer unglaublichen Aus- und Weitsicht.

Neben uns heben die Gleitschirmflieger ab und fliegen gen Meer. Unten am Kai legen die Fähren an und ab. Wir fahren weiter gen Zentralpeleponnes in die Region Arkazien. Hier wollen wir einen Teil des Menalon-Trails wandern und Mountainbiken. Wir parken Wuddi unter wuchtigen, knorrigen Bäumen neben einer alten Steinkapelle. Ein Baum so breit und verzweigt, dass er locker für drei Bäume gereicht hätte. Überhaupt fasziniert mich immer wieder, wie Bäume wachsen: verschlungen, sich umarmend, auseinanderstrebend, Zwillingsstämme, krumm, verwinkelt, unvorhersehbar gewachsen, wie das Leben. Und einige der ausladenden einladenden Bäume unter denen wir in den letzten Monaten gestanden haben, hätten so viel spannende Geschichte zu erzählen!

Es wird nun auch hier herbstlicher. Tagsüber bewundern wir die Laubfärbung, abends packen wir uns warm ein. In den Bergen auf über 1000m haben wir nachts sogar das erste Mal Frost.

Per Rad und Fuß erkunden wir die reizvolle Bergregion, die in vielen Teilen noch recht ursprünglich wirkt. Auf einer Mountainbiketour entdeckt Hendrik einen weiteren super Panaroma-Stellplatz, den wir sogleich für zwei Nächte beziehen. Abends sieht man den Sonnenuntergang, morgens, wie die Wolken noch schläfrig in den Tälern hängen, wenn die ersten Sonnenstrahlen sie wachkitzeln.

Auch wenn sich Corona für uns weit weg anfühlt, verfolgen wir die rasante Entwicklung in den Nachrichten und entscheiden uns, in den kommenden Tagen nach Italien zu übersetzen. Wir möchten nicht riskieren, dass wir in Griechenland hängen bleiben oder den – mit Regularien immer komplizierter und länger werdenden – Umweg über Land nehmen müssen, falls der Fährverkehr zwischen Griechenland und Italien eingestellt wird. Das war im Frühjahr der Fall.

Als wir im Fährhafen von Patras parken, sehe ich wie zwei junge Männer über den Parkplatz rennen und sich direkt vor uns im Gebüsch verstecken. Mit ihren Augen suchen sie hektisch die Umgebung ab, während der eine von ihnen leise mit einem einfachen Handy telefoniert. Dann rennen sie koordiniert los und krabbeln und klemmen sich unter einen LKW, der wenige Meter von uns entfernt geparkt hat. Es sind offensichtlich Geflüchtete bei dem mutigen Versuch, irgendwie auf eine der Fähren nach Italien zu kommen. Überrumpelt von dem, was ich in den letzten Minuten gesehen habe, gehen wir in das Hafengebäude, um uns um die Fährformalien zu kümmern. Als wir wieder herauskommen, höre ich Sirenen. Das Auto der Grenzpolizei, das zuvor an der Seite auf dem Parkplatz stand, fährt mit Blaulicht los. Die Polizei muss etwas mitbekommen haben, die jungen Männer rennen, wie vermutlich schon oft auf ihrer Flucht, und verschwinden hinter einem Gebäude am Ufer. Ein paar Sekunden später kann ich sie auf dem Dach des Gebäudes lauern sehen. Gleichzeitig rennt ein dritter Mann in leicht geduckter Haltung über den Parkplatz und bückt sich in das Gebüsch, in dem die anderen beiden zuvor gekauert hatten. Er telefoniert, wahrscheinlich mit den anderen beiden. Bevor wir auf die Fähre fahren können, wird Wuddi von innen begutachtet. Gleiches geschieht den LKW neben uns, die zudem von allen Seiten, inklusive unten, beleuchtet werden. Es unbemerkt auf die Fähre zu schaffen, scheint sehr sehr unwahrscheinlich. Wie die Geschichte weitergeht, wissen wir nicht. Leider ist es kein Film, weder Krimi noch Drama. Noch nicht einmal eine Dokumentation. Es ist die Realität, ganz nah.

Mehr Eindrücke aus Griechenland gibt es hier im Fotoalbum.

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